Ein Gelenk bewegt sich nicht von selbst, es wird von Muskeln bewegt. Zu jeder Bewegung gehören zwei Muskeln: einer für die Hinbewegung und einer für die Rückbewegung. Wie weit und auf welcher Bahn sich das Gelenk bewegt, hängt vom Zusammenspiel beider ab. Zu jedem Schmerz gehört mindestens ein Muskel, dessen Funktion gestört ist.
Für den Schmerz ist nur einer der beiden verantwortlich, und zwar der, der die Bahn stören kann. Meist ist das der passive, unbewusste Muskel. Verkürzt sich ein Muskel mit allen seinen Fasern, muss sich der Gegenmuskel mit allen seinen Fasern im gleichen Maß verlängern. Verkürzen kann sich ein Muskel jederzeit ungestört. Probleme entstehen im Gegenspieler, wenn dieser scheinbar passive Muskel innere geometrische Störungen enthält. Dann stört er die Bahn des Muskels, der sich verkürzt: Der bewegte Knochen wird nicht wie vorgesehen geführt, sondern vom gerade passiven Muskel aus der Bahn gezwungen.
Der gesündeste Muskel im Verbund ist damit der potenziell gefährlichste in der Muskelkette. Ist ein Glied der Kette krank, muss das gesunde unter Umständen gebremst werden, damit es das kranke nicht zusätzlich schädigt. Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Genau das ist die biologische Aufgabe des Schmerzes: Er bremst den gesündesten Muskel in der Funktionskette zugunsten der kranken Teile aus.
So erklärt sich auch, warum ein durchtrainierter Fußballprofi ohne Einwirkung eines Gegners einen Kreuzbandriss erleiden kann – oder warum perfekt trainierte Sportler wie Vitali Klitschko, Mehmet Scholl oder Franziska van Almsick einen Bandscheibenvorfall bekommen haben.
Alles, was die Bewegungsbahnen im Körper stören kann, wirkt als Schmerzursache. Der Schmerz ist das Ergebnis der gestörten Bahn, nicht fehlender Kraft. Die Schmerztherapie besteht deshalb darin, diese Bahn zu korrigieren, nicht darin, mehr Kraft aufzubauen. Beim Schmerz heißt das: die geometrische Ordnung der einzelnen Muskelfasern durch Regulation wiederherstellen.
Schmerz ist eine Frage der Funktion, nicht der Struktur. Schmerztherapie ist deshalb eine Therapie der Funktion, nicht der Struktur.